813 % — was die NRV-Prozente auf dem Etikett bedeuten
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Auf unserem Etikett steht bei Vitamin C 813 % NRV. Das ist keine verrutschte Kommastelle, und es ist auch keine Werbeaussage. Es ist eine gesetzlich vorgeschriebene Angabe, die fast niemand richtig liest — weil kaum jemand weiß, worauf sich die Prozente eigentlich beziehen.
NRV ist ein Etikettenmaßstab, keine Empfehlung
NRV steht für Nutrient Reference Value, auf Deutsch Nährstoffbezugswert. Die Werte stehen in Anhang XIII der EU-Lebensmittelinformationsverordnung (Verordnung 1169/2011). Wer in Europa ein Vitamin oder einen Mineralstoff auf eine Packung schreibt, muss den Gehalt zusätzlich als Prozentsatz dieses Bezugswerts angeben. Das ist Pflicht, keine Kür.
Entscheidend ist, was der Bezugswert ist — und was er nicht ist:
- Er ist ein einziger Wert für alle. Ein Wert für erwachsene Menschen, ohne Unterscheidung nach Geschlecht, Gewicht, Alter oder Aktivität. Ein 55 kg schwerer Büromensch und ein 95 kg schwerer Handwerker teilen sich dieselbe Zahl.
- Er ist keine Tagesempfehlung. Empfehlungen kommen von Fachgesellschaften wie der DGE und sehen anders aus. Der NRV existiert, damit man zwei Packungen im Regal vergleichen kann — mehr war nie sein Zweck.
- Er ist keine Obergrenze. Grenzwerte sind etwas völlig anderes; die EFSA veröffentlicht dafür sogenannte Tolerable Upper Intake Levels. Mit dem NRV haben die nichts zu tun.
Wer den NRV für eine Empfehlung hält, liest 813 % als „das Achtfache von dem, was ich brauche". Das steht dort aber nicht. Dort steht: das Achtfache des Wertes, den der Gesetzgeber als Vergleichsmaßstab für die Kennzeichnung festgelegt hat.
Warum Werte über 100 % völlig normal sind
Der NRV für Vitamin C liegt bei 80 mg. Das ist ein bewusst niedrig angesetzter Bezugswert. Praktisch jedes Vitamin-C-Präparat auf dem Markt liegt darüber — bei 500 mg wären es 625 %, bei 1000 mg schon 1250 %. Dreistellige Prozentzahlen sind in dieser Produktkategorie der Normalfall und kein Alarmsignal.
Umgekehrt gilt dasselbe: Ein Wert unter 100 % bedeutet nicht, dass zu wenig drin ist. Bei Magnesium stehen auf unserem Etikett 200 mg und damit 53 % NRV, weil der Bezugswert hier bei 375 mg liegt — einem der höchsten überhaupt. 200 mg Magnesium sind für ein Multivitamin trotzdem eine ordentliche Menge. Die Prozentzahl sagt darüber nichts aus.
Das eigene Etikett, vollständig
So sieht das bei uns aus. Alle Werte beziehen sich auf die Tagesportion von fünf Kapseln:
| Stoff | Menge | % NRV |
|---|---|---|
| Vitamin C | 650 mg | 813 % |
| Vitamin D3 | 25 µg | 500 % |
| Vitamin B6 | 6 mg | 429 % |
| Vitamin B2 | 4,5 mg | 321 % |
| Biotin | 160 µg | 320 % |
| Vitamin B12 | 8 µg | 320 % |
| Niacinamid | 50 mg | 313 % |
| Pantothensäure | 18 mg | 300 % |
| Folsäure | 600 µg | 300 % |
| Vitamin B1 | 3 mg | 273 % |
| Chrom | 100 µg | 250 % |
| Vitamin A | 1500 µg | 188 % |
| Zink | 15 mg | 150 % |
| Vitamin K2 | 100 µg | 133 % |
| Vitamin E | 12 mg | 100 % |
| Selen | 55 µg | 100 % |
| Molybdän | 50 µg | 100 % |
| Mangan | 2 mg | 100 % |
| Kupfer | 1 mg | 100 % |
| Jod | 150 µg | 100 % |
| Eisen | 12 mg | 86 % |
| Magnesium | 200 mg | 53 % |
| Calcium | 120 mg | 15 % |
Dreiundzwanzig Stoffe mit NRV-Prozenten. Das Produkt enthält aber zweiunddreißig.
Die neun, für die es gar keinen NRV gibt
Für einen Teil der Inhaltsstoffe hat der Gesetzgeber nie einen Bezugswert festgelegt. Bei uns sind das:
Bor (2 mg), Coenzym Q10 (40 mg), Bromelain (50 mg), Lutein (3 mg), Cholin (100 mg), Bioflavonoide (100 mg), Ingwerwurzelextrakt (100 mg), Olivenblattextrakt (80 mg) und Traubenkernextrakt (333,3 mg).
Bei diesen Stoffen steht auf dem Etikett „kein NRV festgelegt". Das ist kein Mangel und kein Trick — Anhang XIII führt sie schlicht nicht auf. Für Pflanzenextrakte gilt zusätzlich: Es gibt für sie in der EU keine zugelassenen gesundheitsbezogenen Angaben. Wir dürfen deshalb nicht behaupten, wozu sie gut sein sollen, und tun es auch nicht. Was wir tun können, ist die Menge nennen.
Genau hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Ein Produkt kann „mit Traubenkernextrakt" auf die Vorderseite drucken und 5 mg davon enthalten. Ohne Mengenangabe ist beides identisch bedruckt. Mit Mengenangabe nicht.
Wie Sie zwei Produkte tatsächlich vergleichen
Drei Handgriffe, mehr braucht es nicht:
- Auf die Bezugsgröße schauen. Ganz oben in der Nährwerttabelle steht, worauf sich alles bezieht — „pro Kapsel" oder „pro Tagesportion". Ein Produkt mit „pro Kapsel" bei drei Kapseln täglich hat effektiv das Dreifache der angegebenen Zahlen. Wer das übersieht, vergleicht Äpfel mit Birnen.
- Milligramm vergleichen, nicht Prozente. Die Prozente sind nur Milligramm durch einen fixen Bezugswert. Für den Vergleich zweier Produkte ist die Ausgangszahl direkter.
- Nachsehen, was keine Zahl hat. Wenn ein Stoff nur im Namen des Produkts oder in einem „Komplex" auftaucht, aber nirgends mit einer Menge, dann ist die Menge das eigentliche Ergebnis der Suche.
Was der NRV nicht leistet
Er sagt nichts über die chemische Verbindung, aus der ein Mineralstoff stammt. Er sagt nichts über die Qualität eines Extrakts. Und er sagt nichts darüber, was ein einzelner Mensch braucht — dafür ist er nie gemacht worden.
Er ist ein Lineal. Ein gutes, weil es überall dasselbe ist. Aber ein Lineal misst nur Länge, und die Prozentzahl auf einer Dose misst nur, wie sich eine Menge zu einem festgelegten Vergleichswert verhält. Der Rest steht im Kleingedruckten — und das lohnt sich zu lesen.